Von den Auswirkungen der COVID-19-Pandemie lernen: Praktische Ableitungen für Unterricht unter Krisenbedingungen
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Conference Poster not in Proceedings
Status
Presented
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Brauchle, J., & Unger V. (2026, 16.-18. März). Von den Auswirkungen der COVID-19-Pandemie lernen: Praktische Ableitungen für Unterricht unter Krisenbedingungen [Konferenzposter]. Tagung der Gesellschaft für empirische Bildungsforschung (GEBF), 16.03.2026, Munich, Germany.
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Proforis OA-status
metadata only (bibliographisch)
Topic PHSG
Individuelle Förderung und Differenzierung
Fields of Science and Technology (OECD)
Education, general (including training, pedagogy, didactics)
Abstract
Theoretischer Hintergrund
Die Schulschließungen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie führten weltweit zu erheblichen Bildungsunterbrechungen mit teils erheblichen negativen Auswirkungen auf Lernfortschritt1,2 sowie Wohlbefinden3,4 von Schüler:innen. Bisherige Befunde zu resilienten und besonders belasteten Schüler:innengruppen sind jedoch uneinheitlich.5,6 Angesichts der hohen Wahrscheinlichkeit möglicher zukünftiger Krisen durch z.B. erneute Krankheitswellen7 oder Extremwetterereignisse8 gilt es, aus den Erfahrungen der Pandemie zu lernen und Handlungsperspektiven für zukünftige Unterrichtsunterbrechungen zu entwickeln.9 Das hier vorgestellte praxisorientierte Forschungsprojekt untersucht die Auswirkungen der pandemiebedingten Schulschließungen aus unterschiedlichen Perspektiven, um evidenzbasierte Empfehlungen für eine wirksame Gestaltung von Distanzunterricht in Krisenzeiten abzuleiten.
Forschungsfrage
Übergreifende Leitfrage des Projekts:
Welche Lehren lassen sich aus den Erfahrungen des Distanzlernens während der COVID-19-Pandemie ziehen, um Distanzunterricht in zukünftigen Krisensituationen wirksam und lernförderlich zu gestalten?
Forschungsdesign und Ergebnisse
Das Projekt folgt einem Multi-Method-Design mit quantitativen und qualitativen Ansätzen. Datengrundlage sind (1) Nutzungsdaten und Lernstandserhebungen der Lernplattform «Lernpass Plus», (2) Interviews mit Lehrkräften sowie (3) Daten des Schüler:innenfragebogens «Mein Coronatagebuch».
(1) Sekundäranalyse der Lernstandserhebungen (N=24.565)
- Langzeitdaten der Schweizer Lernplattform «Lernpass Plus» wurden über fünf Kohorten hinweg mittels IRT-Analysen und latenten Veränderungsmodellen ausgewertet. Die Ergebnisse zeigen für die Schweiz, im Gegensatz zu vielen weiteren Ländern, keine geringeren Lernzuwächse während der Pandemie, jedoch Hinweise auf höhere Lernzuwächse im Folgejahr.
- Zeitreihenanalysen ergaben eine deutliche Zunahme der Nutzung digitaler Lernmedien über den Zeitrahmen der COVID-19-Pandemie hinaus („Digitalisierungsschub“).
(2) Lehrer:inneninterviews (N=20)
- Die Analyse von semistrukturierten Interviews mit Lehrer:innen aus verschiedenen Schweizer (Sprach-)Regionen verdeutlichten, dass Lernerfolg während der Pandemie stark durch familiäre Unterstützung und Selbstregulationsfähigkeiten beeinflusst war.
- Für das Wohlbefinden erwiesen sich soziale Kontaktbeschränkungen und sozioökonomischer Status (SES) als zentrale Prädiktoren. Lehrkräfte betonten die wechselseitige Abhängigkeit von Lernen und Wohlbefinden sowie die heterogene Bewältigung der Krise durch die Schüler:innen.
(3) Schüler:innenfragebogen «Mein Coronatagebuch» (N=1.224)
- Die Analyse der beiden offenen Fragen «Was hat dir am Fernunterricht gefallen? Was könnte aus Deiner Sicht so bleiben?» und «Was hat dir am Fernunterricht nicht gefallen?» ergab, dass viele Jugendliche soziale Kontakte und die Unterstützung durch Lehrkräfte vermissten, jedoch die größere Autonomie und Flexibilität sowie die Vorteile des zu Hause seins schätzten.
- Multivariate, schrittweise Regressionsanalysen konnten einen Einfluss der Selbstregulation und des SES sowie der wahrgenommenen Unterstützung als signifikante Prädiktoren für schulischen Erfolg und Wohlbefinden nachweisen.
- Eine konfirmatorische Faktorenanalyse konnte einen moderaten Zusammenhang (r=.424) zwischen Lernerfolg und Wohlbefinden der Schüler:innen nachweisen.
- Latente Profilanalysen identifizierten vier Schüler:innenprofile („hoher Lernerfolg – geringes Wohlbefinden“, „geringer Lernerfolg – geringes Wohlbefinden“, „geringer Lernerfolg – hohes Wohlbefinden“ und „hoher Lernerfolg – hohes Wohlbefinden“). Prädiktoren der Profilzugehörigkeit bestätigten die Ergebnisse der Interviewstudie (2) sowie der Regressionsanalysen (1).
Praktische Implikationen
Aus den Teilstudien ergeben sich mehrere praxisrelevante Schlussfolgerungen für die Gestaltung von Unterricht unter Krisenbedingungen:
Distanzunterricht erfordert eigene didaktische Konzepte; eine bloße Adaption des Präsenzunterrichts reicht nicht aus.
Schule übernimmt zentrale Sozialisationsfunktionen, die auch unter Krisenbedingungen aufrechterhalten werden müssen.
Lern- und Wohlbefindensaspekte sind im Schulkontext und besonders während Krisensituationen untrennbar miteinander verbunden.
Digitale Werkzeuge benötigen eine didaktische Einordnung und begleitende Qualitätssicherung.
Bildungsungleichheiten verschärfen sich während des Fernunterrichts; die Förderung vulnerabler Gruppen ist daher zentral.
Selbstregulationskompetenzen sind Schlüsselfaktoren für schulischen Erfolg und beeinflussen zudem das Wohlbefinden.
Strukturierte, aber flexible Lernumgebungen steigern Autonomie und Lernqualität.
Entwicklung eines Nutzungsmodells
Auf Basis der empirischen Befunde wurde gemeinsam mit schulischen Akteur:innen ein praxisnahes Nutzungsmodell für zukünftige Krisen entwickelt. Es bündelt Leitprinzipien und Reflexionsfragen zur Rolle der Schule, Förderung vulnerabler Gruppen, Aufgaben- und Strukturgestaltung, Monitoring von Lernerfolg und Wohlbefinden sowie zum zielgerichteten Einsatz digitaler Medien. Durch die Integration qualitativer und quantitativer Befunde bündelt das Forschungsprojekt zentrale Ansatzpunkte für die Gestaltung von Distanzunterricht in künftigen Krisensituationen. Das daraus entstandene Modell dient im Rahmen des Vortrags als Diskussionsgrundlage zur Weiterentwicklung nachhaltiger Fernunterrichtsstrategien.
Die Schulschließungen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie führten weltweit zu erheblichen Bildungsunterbrechungen mit teils erheblichen negativen Auswirkungen auf Lernfortschritt1,2 sowie Wohlbefinden3,4 von Schüler:innen. Bisherige Befunde zu resilienten und besonders belasteten Schüler:innengruppen sind jedoch uneinheitlich.5,6 Angesichts der hohen Wahrscheinlichkeit möglicher zukünftiger Krisen durch z.B. erneute Krankheitswellen7 oder Extremwetterereignisse8 gilt es, aus den Erfahrungen der Pandemie zu lernen und Handlungsperspektiven für zukünftige Unterrichtsunterbrechungen zu entwickeln.9 Das hier vorgestellte praxisorientierte Forschungsprojekt untersucht die Auswirkungen der pandemiebedingten Schulschließungen aus unterschiedlichen Perspektiven, um evidenzbasierte Empfehlungen für eine wirksame Gestaltung von Distanzunterricht in Krisenzeiten abzuleiten.
Forschungsfrage
Übergreifende Leitfrage des Projekts:
Welche Lehren lassen sich aus den Erfahrungen des Distanzlernens während der COVID-19-Pandemie ziehen, um Distanzunterricht in zukünftigen Krisensituationen wirksam und lernförderlich zu gestalten?
Forschungsdesign und Ergebnisse
Das Projekt folgt einem Multi-Method-Design mit quantitativen und qualitativen Ansätzen. Datengrundlage sind (1) Nutzungsdaten und Lernstandserhebungen der Lernplattform «Lernpass Plus», (2) Interviews mit Lehrkräften sowie (3) Daten des Schüler:innenfragebogens «Mein Coronatagebuch».
(1) Sekundäranalyse der Lernstandserhebungen (N=24.565)
- Langzeitdaten der Schweizer Lernplattform «Lernpass Plus» wurden über fünf Kohorten hinweg mittels IRT-Analysen und latenten Veränderungsmodellen ausgewertet. Die Ergebnisse zeigen für die Schweiz, im Gegensatz zu vielen weiteren Ländern, keine geringeren Lernzuwächse während der Pandemie, jedoch Hinweise auf höhere Lernzuwächse im Folgejahr.
- Zeitreihenanalysen ergaben eine deutliche Zunahme der Nutzung digitaler Lernmedien über den Zeitrahmen der COVID-19-Pandemie hinaus („Digitalisierungsschub“).
(2) Lehrer:inneninterviews (N=20)
- Die Analyse von semistrukturierten Interviews mit Lehrer:innen aus verschiedenen Schweizer (Sprach-)Regionen verdeutlichten, dass Lernerfolg während der Pandemie stark durch familiäre Unterstützung und Selbstregulationsfähigkeiten beeinflusst war.
- Für das Wohlbefinden erwiesen sich soziale Kontaktbeschränkungen und sozioökonomischer Status (SES) als zentrale Prädiktoren. Lehrkräfte betonten die wechselseitige Abhängigkeit von Lernen und Wohlbefinden sowie die heterogene Bewältigung der Krise durch die Schüler:innen.
(3) Schüler:innenfragebogen «Mein Coronatagebuch» (N=1.224)
- Die Analyse der beiden offenen Fragen «Was hat dir am Fernunterricht gefallen? Was könnte aus Deiner Sicht so bleiben?» und «Was hat dir am Fernunterricht nicht gefallen?» ergab, dass viele Jugendliche soziale Kontakte und die Unterstützung durch Lehrkräfte vermissten, jedoch die größere Autonomie und Flexibilität sowie die Vorteile des zu Hause seins schätzten.
- Multivariate, schrittweise Regressionsanalysen konnten einen Einfluss der Selbstregulation und des SES sowie der wahrgenommenen Unterstützung als signifikante Prädiktoren für schulischen Erfolg und Wohlbefinden nachweisen.
- Eine konfirmatorische Faktorenanalyse konnte einen moderaten Zusammenhang (r=.424) zwischen Lernerfolg und Wohlbefinden der Schüler:innen nachweisen.
- Latente Profilanalysen identifizierten vier Schüler:innenprofile („hoher Lernerfolg – geringes Wohlbefinden“, „geringer Lernerfolg – geringes Wohlbefinden“, „geringer Lernerfolg – hohes Wohlbefinden“ und „hoher Lernerfolg – hohes Wohlbefinden“). Prädiktoren der Profilzugehörigkeit bestätigten die Ergebnisse der Interviewstudie (2) sowie der Regressionsanalysen (1).
Praktische Implikationen
Aus den Teilstudien ergeben sich mehrere praxisrelevante Schlussfolgerungen für die Gestaltung von Unterricht unter Krisenbedingungen:
Distanzunterricht erfordert eigene didaktische Konzepte; eine bloße Adaption des Präsenzunterrichts reicht nicht aus.
Schule übernimmt zentrale Sozialisationsfunktionen, die auch unter Krisenbedingungen aufrechterhalten werden müssen.
Lern- und Wohlbefindensaspekte sind im Schulkontext und besonders während Krisensituationen untrennbar miteinander verbunden.
Digitale Werkzeuge benötigen eine didaktische Einordnung und begleitende Qualitätssicherung.
Bildungsungleichheiten verschärfen sich während des Fernunterrichts; die Förderung vulnerabler Gruppen ist daher zentral.
Selbstregulationskompetenzen sind Schlüsselfaktoren für schulischen Erfolg und beeinflussen zudem das Wohlbefinden.
Strukturierte, aber flexible Lernumgebungen steigern Autonomie und Lernqualität.
Entwicklung eines Nutzungsmodells
Auf Basis der empirischen Befunde wurde gemeinsam mit schulischen Akteur:innen ein praxisnahes Nutzungsmodell für zukünftige Krisen entwickelt. Es bündelt Leitprinzipien und Reflexionsfragen zur Rolle der Schule, Förderung vulnerabler Gruppen, Aufgaben- und Strukturgestaltung, Monitoring von Lernerfolg und Wohlbefinden sowie zum zielgerichteten Einsatz digitaler Medien. Durch die Integration qualitativer und quantitativer Befunde bündelt das Forschungsprojekt zentrale Ansatzpunkte für die Gestaltung von Distanzunterricht in künftigen Krisensituationen. Das daraus entstandene Modell dient im Rahmen des Vortrags als Diskussionsgrundlage zur Weiterentwicklung nachhaltiger Fernunterrichtsstrategien.
| Name of the event | Conference Host | Place of the event | Start date of the event | End date of the event |
Tagung der Gesellschaft für empirische Bildungsforschung (13. GEBF-Kongress) | Technische Universität München | München, Deutschland | March 16, 2026 | March 18, 2026 |
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